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Frühe Arbeiten: Das genaue Bild der Dinge

„Mein künstlerischer Weg begann in den 70er Jahren als, es wieder modern wurde, realistisch zu arbeiten. Für mich hielten die Neue Sachlichkeit und der magische Realismus, deren Malweise ich bevorzugte, in dieser Zeit Überraschungen bereit.”

Ingrid Rafael

 Text: Dr. Karla Bilang

Bereits im Frühwerk von Ingrid Rafael zeigen sich bestimmte Charakteristika, die in verwandelter Form und in anderer Stilistik in späteren Werken immer wieder auftreten: Sie sind nicht einzeln aufzählbar, sondern eher als ein komplexes System des Sehens zu fassen, das sich sowohl im Sujet als auch in der Komposition und in der Art der Darstellung offenbart. Es ist der bewusste Blick auf die Dinge des Alltäglichen, auf eine einfache Welt, die sich in ihrer sachlichen Existenz oder in der Fülle der ungeordneten Formen und Strukturen ausschnitthaft darbietet und doch das Ganze, das umfassende Leben hinter den Dingen spürbar werden lässt.

Das Empfinden für die Sprache der Dingwelt gehört unzweifelhaft zu den besonderen Eigenschaften der Künstlerin. Schon während ihrer Ausbildung war sie von den Erscheinungsformen des Wahrnehmbaren fasziniert und stand von Anfang an hinter jener Kunstrichtung, in der nach dem Modell gemalt wurde und in der die Kunst als Abbild der sichtbaren Realität galt. Sie absolvierte ihr Studium in den 70er Jahren, als die Vorherrschaft des Informellen zu Ende ging und die Traditionen von Realismus, Surrealismus und Expressionismus in der Malerei neu entdeckt wurden und die visuelle wie auch die soziale Wirklichkeit wieder einen Stellenwert in der Malerei einnahm. Die Bevorzugung von Interieur und Stillleben hat seine Grundlage in dem umfangreichen zeichnerischen Werk der Studienjahre, wo Form und Struktur, das Einzelding und sein bildnerischer Zusammenhang, das Detail und das Ganze in unzähligen Varianten erarbeitet wurden. Die Dingwelt der Bilder ist nicht hermetisch abgeschlossen, sondern eine Welt mit Ausblick, die das Innere und Äußere in einen Dialog bringt. Immer wieder sind die typischen Kompositionen mit Fenster anzutreffen, in denen sich der Blick ins Freie öffnen kann. In der brauntonigen Farbigkeit und in der Auswahl des Schlichten scheint uns die Ernsthaftigkeit in der Betrachtung des Alltäglichen aus den Bildern von Paula Modersohn-Becker wieder zu begegnen. Bereits die frühen realistischen Stillleben sind von den Hell-Dunkel-Kontrasten her klar gebaut in dem Wechsel von bräunlichen Möbeln und Tapeten zu dem Weiß der Tischdecken und dem Flirren des Lichtes, das durch das Fenster dringt.

Die frühen Interieurs erinnern in ihrem malerischen Charakter und ihrer Konkretheit an Bilder aus einer „vergangenen“ Zeit – die weiße bestickte Decke auf dem kleinen Gründerzeittisch, der ans Fenster gerückt ist, der irdene Henkelkrug, ein alter Plattenspieler. Die Künstlerin bringt die besondere Atmosphäre des Flohmarktinterieurs der Studentenwohnungen zum Vorschein, indem sie dem Charakter der Dinge nachspürt – mit einem speziellen Sinn und einer Sensibilität für Lebensweise und Lebenssituation und deren optischer Dichte und Aussagekraft. Vor diesem Hintergrund entsteht eine Bildwirklichkeit, die zunächst die Buntheit und Vielfalt des Daseins in räumlich gestaffelten Kompositionen wiedergibt und später zu einer Enträumlichung gelangt und zu einer größeren Abstraktion, wobei die Komponenten Farbe und Weiß der Bildfläche ein ausgesprochenes Eigenleben entfalten. Die Dynamik und die Spontaneität des Großstadtlebens spiegeln sich in den autonomen Farb- und Lichtreflexen, aus denen sich beispielsweise in dem Bild Atelierfenster, Lindower Straße (1987) die Konturen einer Tasse auf dem Fensterbrett als erkennbar rekonstruieren lassen und von diesem Detail aus das Bildganze dann erlebbar wird. Generell aber sind Stillleben und reine Interieurbilder im späteren Werk der Künstlerin selten anzutreffen.

 

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