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Frauenbilder: Bildnisse, Akte, Paare

Text: Dr. Karla Bilang

Die sinnliche Anschauung des menschlichen Gegenübers ist für Ingrid Rafael der Ausgangspunkt ihrer Kunst, und so stehen Bildnisse, Porträts und Akte im Mittelpunkt ihrer Malerei. Auch hier ist die Beherrschung der malerischen Mittel und deren differenzierter, auf das Wesentliche der Porträtierten abgestimmter Einsatz bemerkenswert. So erfrischend und treffsicher der expressionistische Duktus im Bildnis der Afrikanerin Sue Maluwa (1999) eingesetzt wird, so selbstverständlich steht die Dame mit schwarzem Hut in der Berliner Stadtlandschaft – und der Betrachter meint, dieses Bild könne nur so und nicht anders gemalt worden sein. Auch in den Bildnissen streben viele Formulierungen zu formal straffen und zugleich ungewöhnlichen Lösungen: Etwa das Ölgemälde Bildnis im Profil, in dem ein weißer Kopf vor hellgelbem Hintergrund durch Konturen in leuchtendem Krapplack akzentuiert wird und die quasi Weiß-in-Weiß-Komposition farblich und strukturell stabilisiert. Dieses Bildnis ist ein Beispiel für die Vorliebe der Künstlerin für die helle Palette. Der exzellente Einsatz der weißen Flächen macht den Betrachter wach für die differenzierte Aufnahme der hellen Varianten von Gelb, Grün, Blau und Rosa. Zum Klingen kommen diese Farbakkorde durch die kontrapunktisch gesetzten Minimalflächen oder Konturfragmente in dunklem Krapplack oder Blauschwarz.

Als eine besondere Variante der Bildnisse ist die Serie der Masken vor Meereslandschaft anzusehen, die seit dem Jahr 1997 in unregelmäßiger Abfolge entstehen. In ihnen nimmt die Künstlerin vom Antlitz der Porträtierten eine Gipsmaske ab, die anschließend poliert und in meist hellen Farbtönen gefasst wird. Parallel dazu malt die Künstlerin eine adäquate Meereslandschaft und drapiert die Maske auf dem Landschaftsbild, so dass sich Mensch und Meer zu einem einheitlichen optischen Eindruck verbinden, wobei die Maske die Physiognomie der Porträtierten exakt wiedergibt und das aus der Phantasie entstandene Meeresbild eine Ausdeutung des Wesens der betreffenden Person aus dem Blickwinkel der Künstlerin darstellt, in dem durch Farben, Stimmungen, Bewegungen der Wasseroberfläche usw. eine ideelle Parallelität hergestellt wird.

Die Idee scheint schlüssig zu sein; häufig wurde in der Literatur die Seele eines Menschen mit dem Spiegel der Wasseroberfläche oder dem bewegten Spiel der Wellen verglichen, wo Bewegung und Ruhe, Schwermut und Leichtigkeit so direkt und auch so wechselhaft zu erleben sind. Auch in dieser installativen Porträtserie sind die Farbe Weiß und das pastellhafte Aufhellen der Farbe die dominierenden Elemente, so dass der Grundtenor des Leichten, des Schwebens über den Wassern, des Davontreibens in der Weite des Meeres und des Himmels oder aber das Auftauchen der Maske aus jenseitigen Welten. Das Numinose, die Auflösung des Seins in Licht, die Fragen nach dem Dahinter und Danach werden auf eine sanfte Weise gestellt.

Im weiteren Sinne scheinen auch die Masken vom Medusathema inspiriert zu sein. Wie bereits erwähnt, wurde das Haupt der Medusa als Maske dargestellt. Die Maske ist das über den Tod hinausweisende Symbol, Totenmasken wurden zur Erinnerung an die Verstorbenen angefertigt. Die von der Künstlerin gefertigten Masken sind Abgüsse von Lebenden, von Freundinnen der Künstlerin, und sie werden Ab- und Sinnbildern der Personen in einer überzeitlichen Lebenskonstellation, denn allein durch die Kombination der Maske mit dem Meer wird der mythologische Aspekt (aus der Antike) evoziert.

Zu den Bildnissen gehören auch die vielen Halb- oder Ganzfigurenbilder, in denen sich die Künstlerin selbst oder ihre Freundinnen darstellt. Sie hat hierbei eine bestimmte Art der Komposition entwickelt, welche die Figuren groß ins Bild setzt, so dass sie in ihrer Körpergröße fast den Bildrahmen sprengen. Oft ist der Kopf oberhalb der Augen angeschnitten und die Füße setzen am unteren Bildrand auf. Oft sind den Dargestellten Requisiten beigegeben, wie in dem Selbstbildnis mit Blumen (1992) oder Frau mit Hund – ein Thema, das auf eine verbreitete Lebensform von Kreuzberger oder auch Schöneberger Frauen bezug nimmt. Als eine kulturgeschichtliche Parallele zur Symbiose von Frau und Tier ist die Grafik Dame mit Einhorn (2002) zu sehen, die nach französischen Bildteppichen des Mittelalters entstanden sind und diese sozusagen als Bildzitate verwenden.

Bei den Aktdarstellungen ist zur Zeit des Medusaprojektes ein thematischer Einfluss der antiken Welt zu verzeichnen: nackte Freundinnen in archaischer Stilisierung liegen oder sitzen beieinander – Versatzstücke einer sapphischen Idylle an griechischen Inselgestaden.

In dem Bild Liebende bilden zwei Frauenkörper ein diagonales Kreuz und versinnbildlichen durch die Verschränkung der Komposition die Innigkeit der Beziehung und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Farbgebung wird wiederum durch Weiß dominiert und von sparsamen Blau- und Ockertönen akzentuiert. Von besonderem Interesse ist die Verwendung von kleinen schwarzen Flächen als Kontrast und Verankerung.

Ein klassisches Aktbild ist die Darstellung Afrikanische Frau aus dem Jahre 1999 – ein Ölgemälde in den Maßen 140 zu 100 cm. Die Haltung der großen schlanken Frau ist frontal und in leichter Schrittstellung, so dass die Positionen von Stand- und Spielbein sowohl Ruhe als auch Bewegung suggerieren. Auf die dunklen Körperpartien setzt das Licht große helle Zonen, so dass eine flüssig gemalte und spannungsvolle Hell-Dunkel-Abstufung entsteht. Ein farbintensives serielles Muster mit verlaufenden Konturen auf blauem Fond bildet den Hintergrund. Thematische Aktdarstellungen sind in dem Diptychon zur Ikonografie des Sündenfalls aus den Jahren 2002/03 zu finden. Die herkömmliche Version von Adam und Eva macht hier einer Eva und Eva-Variante Platz, wobei die Verführerin, die Eva mit dem Apfel, eine Weiße ist und die Verführte eine Afrikanerin bzw. eine Asiatin oder Indianerin darstellt. Diese ethnische Vermischung geschieht nicht allein aus Gründen der Exotik oder der Vorliebe für Kontraste, sondern hat im Schaffen der Künstlerin tiefere Wurzeln. Seit ihrem Aufenthalt in Paris und in Nordafrika hat Ingrid Rafael eine besondere Aufmerksamkeit für Frauen und Künstlerinnen aus Afrika, deren Arbeit sie unterstützt. Langjährige Bekanntschaften und Freundschaften finden ihren Niederschlag in Porträts und Figurenbildern. In dem hier beschriebenen Bild tritt Europa als Verführerin der Dritten Welt auf, womit an die alte Schuld erinnert wird, welche die Kolonialländer wie Deutschland und Frankreich gegenüber den afrikanischen Völkern haben.

Viele der Figurenbilder sind 2005 in der Ausstellung im Potsdamer Pomona-Tempel gezeigt worden: Doppelakt (2005), Frau mit Hund (2005), Portrait der Malerin Sabine Bender-Marenski (2005). Das Portrait der Malerin SabineBender-Marenski ist eine konstruierte situative Schilderung im Berliner Stadtraum: Die Dargestellte sitzt auf der Monumentenbrücke und im Hintergrund erheben sich die Bauten des Potsdamer Platzes mit dem Sony-Center. Der Mensch in der Großstadt ist ein Thema des deutschen Expressionismus und auch in diesem Bild waltet ein expressiver Duktus zumindest in den harten Konturen und unvermischten Farben des Potsdamer Platzes, während die im Vordergrund dargestellte Künstlerin in differenzierter und sensibler Technik gemalt ist. Bewusst gesetzte Brüche sind in den Bildern von Ingrid Rafael häufig anzutreffen, sie stehen im Zusammenhang mit der Spontaneität der Künstlerin und mit ihrer Absicht, die Lebendigkeit und Vielfalt, auch die Gegensätzlichkeiten des Daseins, mit den Mitteln der Malerei zu vergegenwärtigen.

Das Gemälde Am Baum hängend (2006) verbindet den Akt und die Berliner Seenlandschaft auf eine ungewöhnliche Weise. Die momentane Situation der am Baum Hängenden ist eingefangen in einer Impression aus Farbe und Licht; hell leuchtet der turnende Frauenkörper vor dem Grün des Wassers und dem noch dunkleren Blaugrün der märkischen Kiefernwälder.

 
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