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Narrative Kompositionen und Reisebilder

Text: Dr. Karla Bilang

Im Werk von Ingrid Rafael gibt es eine Reihe von Simultanbildern mit narrativem Charakter, die von der Künstlerin bisweilen mit dem Titel Erzählung versehen werden oder aber durch einen konkreten Titel auf bestimmte Ereignisse verweisen. Die Komposition Schöner Herbsttag (1991) ist eine situative Schilderung zweier Frauen in einer städtischen Parklandschaft. In der Kombination von Acryl und Pastell arbeitet die Künstlerin frei und offen, die Strichlagen sind sichtbar und geben dem Ganzen einen spontanen Charakter. Das Grün der Bäume wird nur an wenigen Punkten angedeutet, aber immer formend und in der Wahl des Farbtons klar abgestuft. So setzt sich das Bild aus fleckhaften Farbspuren zusammen, die das Dargestellte eher andeuten durch die typischen Konturen und auf der anderen Seite der Fantasie des Betrachters Raum lassen. Auch in dem Bild Erzählung (1993) gibt es viele offene weiße Bildflächen, die durch aktive Farbstrukturen in Richtung Zeichenhaftigkeit oder Gegenständlichkeit qualifiziert werden. Ein Kopf ist im Profil erkennbar, ein Hund, ein Glas, ein Zimmer mit Lampe, Tisch und zwei Stühlen, ein Schornstein, daneben optische Signale, grüne Farbspuren deuten auf Vegetation – im Ganzen ist es eine Durchdringung von Außen- und Innenwelt, von Eindrücken, Befindlichkeiten und Tatsächlichkeiten, von Dingen, Gebäuden, Räumen, Menschen und Vegetation.

Manchmal wird auch auf historische Ereignisse bezug genommen, wie in dem Bild mit dem ironischen Titel Der neue Mensch (1991), das auf den Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989 anspielt und die DDR als eine Gesellschaft von Spießern darstellt.

Der Simultancharakter wird in der Radierung Global change (2002) deutlich, in der zwei unterschiedlichen Druckplatten übereinander gedruckt worden sind: Die Brücke über die Seine mit dem Eifelturm in Schwarz und in Rot ein Bildzitat nach einem Gemälde von Botticelli aus dem Louvre – ein Bild aus der Jetztzeit wird überlagert von einem Bild aus der italienischen Renaissance. Über dem Eifelturm ist ein PC-Arbeitsplatz installiert, an dem zwei Personen tätig sind – eine Kommandozentrale der vernetzten Welt, in der Orte und Zeiten beliebig aufgerufen werden können. An der Fassade des alten Hauses an der Seine prangt der Schriftzug GLOBAL CHANGE.

Das Blatt Katalanische Erzählung (2002) erweitert bzw. ersetzt den Bereich der Malerei durch collagierte Zeitungsausschnitte und Tickets, Materialdrucke, Skizzen, Zeichnungen, Farbeindrücke. Insgesamt entsteht so eine skizzenhaft-lockere Zusammenschau von Souvenirs, Erinnerungsstücken und vor Ort entstandenen Arbeiten.

Das Gemälde BAR JEREZ (2004) ist ein typisches Rafael-Erzählbild mit einem Gemenge aus Interieur, Schrift, Vegetation, visuell-atmosphärischen Eindrücken und erfundenen und realen Personen, darunter die Künstlerin selbst in einer Rückenansicht am rechten unteren Bildrand – Einbezogene und Beobachtende zugleich. Der für die Bars und Cafés der Gegend charakteristische Fernseher ist als Bild im Bilde schräg in die rechte obere Bildfront platziert und zeigt eine Stierkampfszene, die wie eine ironische Hommage an Picasso wirkt. Die Neonfarben im roten Tuch des Stierkämpfers und in dem gestreiften Kleid der Frau am Tisch setzen kleine leuchtende Akzente in die flirrende Lichtatmosphäre des Raumes und schaffen korrespondierende Bildebenen.

Auch in den Reisebildern, die vorwiegend die Landschaft zum Thema haben, ist die simultane Komposition anzutreffen und schafft, wie in dem Bild Portugiesische Reise (2006), eine Verdichtung der optischen Eindrücke. Spezifische Bauformen, Kuppeln, das Detail eines Fensters mit geriffelter Fensterlade, ein Boot, die hingetupften roten Flecken eines blühenden Strauches, die Baumkronen in ihrer Rundheit oder in ihren bizarren Skelettformen, die grünen Hügel, das Meer am Horizont – all diese Versatzstücke südlicher Gefilde treffen in einer hellen durchsonnten Landschaftskulisse zusammen. Mit welcher Leichtigkeit die Künstlerin selbst die Optik kulturbeschwerter Orte einfängt, zeigt das Aquarell “Venedig Gondel“ (2006) in seinem Kontrast der schon archaischen Palazzi-Architektur und dem bewegten Spiel von Wasser und Gondel.

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