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Pariser Jahre, 1980-1982: Die Stadt und ihr Flair – nachkubistische Impressionen

Text: Dr. Karla Bilang

Der Aufenthalt in Paris beeinflusste die Künstlerin nachhaltig, denn hier kam sie erstmals so massiv mit der modernen Kunst in direkte Berührung, wie sie es von Deutschland her nicht kannte. Rückblickend erinnert sie sich: „Eine Fundgrube war für mich die ständige Sammlung des Pariser Centre George Pompidou, hervorzuheben noch die Ausstellung Paris-Moskau sowie die moderne Kunst, die ich während meines Aufenthaltes in Paris sozusagen ständig vor Augen hatte.“ Vor allem der Sinn für die Stilistik und Sehweisen der klassischen modernen Malerei mit ihren kubistischen Verkantungen und ihrer prismatisch-konzentrierten Erfassung der Realität brachte für die Bildstrukturen im Werk von Ingrid Rafael eine stärkere Formalisierung der Komposition. In der Farbigkeit entwickelte sie in Paris das sogenannte „farbige Grau“, das ihrer Meinung nach mit dem speziellen Himmel oder dem Licht über der Stadt zu tun hat – einer Stadt, die im Unterschied zu Berlin, kaum Auflockerung durch Grünanlagen oder Parks aufweist, sondern durch das Grau des dicht stehenden Häusermeeres dominiert wird. Ein typisches Motiv sind dabei die Dächer von Paris und die kubischen Verschachtelungen der Häuserfassaden, die dicht gedrängt stehen in ihrer formalen Kleinteiligkeit und Vielfalt. In der Komposition dominieren die Senkrechten, in ihrer Wirkung verstärkt durch die schattierende Malweise, die jeden Grat und jede Hausecke besonders akzentuiert. Das Kolorit der Bilder ist meist hell, fast milchig und in den Nuancen zwischen mattem Ocker und Graublau angelegt. Die ohnehin schon stark zurückgenommene Farbigkeit tritt durch das Vorherrschen der „weißen“ Flächen fast vollkommen in den Hintergrund und ordnet sich dem Gerüst der Komposition unter. Diese und ähnliche Bilder zeigen Anklänge an den Kubismus und die Suche nach einer Malweise, welche die Dinglichkeit bestehen lässt und sogar noch steigert, aber dennoch nicht illustrativ ist und einen adäquaten bildnerischen Organismus darstellt.

In leichterer und aufgelösterer Form entstanden Stadtansichten, Brücken, Straßen und Häuserfassaden von Paris in grafischen Techniken, insbesondere in Lithographie und Radierung. In der Grafik entwickelte die Künstlerin am frühesten den diskontinuierlichen Bildraum, der einzelne Ansichten oder Eindrücke miteinander in Verbindung bringt und in dem Zonen hoher Dichte und Konkretheit neben offenen und in ihrer Gestalt nur ahnbaren Bildflächen stehen.

Das Leben in den Straßen und Cafés von Paris, vor allem das Leben der Frauen war eine weitere wichtige Inspirationsquelle. Manchmal scheinen sich in den Bildern dann Realität und Reminiszenz zu überlagern. Nach meinem Verständnis steht beispielsweise das Gemälde La Drague (1982) in Beziehung etwa zu der Absinthtrinkerin von Picasso: Motiv und Komposition sind vergleichbar hinsichtlich des am unteren Bildrand angeschnittenen runden Tisches und hinsichtlich der Pose mit dem aufgestützten Kopf der Trinkerin. Auch das Glas auf dem Tische und die insgesamt karge Ausgestaltung reflektieren den Purismus der Kubisten, ebenso die prismatische Gestaltung von Körper und Kopf der trinkenden Frau und die Einbeziehung des Schriftzuges, desgleichen die sparsame Verwendung der Farbe, den Aufbau aus Grau und Braun mit einem roten Kontrast. Die Künstlerin gestaltet die Caféhausszene aus ihren eigenen Erfahrungen und ihrer spezifischen Sicht heraus, indem sie das Thema der Frauenpaare und der Frauenbeziehungen darstellt – in einem Moment des Sich Kennen Lernens, des ungewissen Abwartens, der Hoffnungen. Wiedergegeben wird ein ungleiches bzw. kontrastierendes Paar: die Dunkelhaarige und die Blonde – die Erstere dominant im Zentrum und formal klar durchgearbeitet, die zweite beigeordnete Figur und mit weicheren Konturen gezeichnet. Das Bild befindet sich in einem alten Rahmen, der in die Gestaltung einbezogen ist, sodass hier von einem Bildobjekt gesprochen werden kann.

 
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